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ein Motorrad zu fahren.

Niemand hat das bisher treffender beschrieben, als Melissa Pierson in ihrem gleichnamigen Buch.

Hier ein Auszug:
"Mit dem Motorrad reist du ohne großen Ballast - gewiß einer der großen Vorteile des Bikens. Du trägst nur bei dir, was du im Magen hast, was in deinem Rucksack steckt und was in deinen Tankrucksack passt.

Irgendwann wirfst du entnervt deine Handschuhe zu Boden. Etwas ist kaputt. Doch zugleich spürst du eine eigentümliche Erleichterung: Du mußt es reparieren. Du entdeckst, daß du auch deinen Grips mitgebracht hast, jenen eingerosteten Mechanismus, der nach altmodischen Prinzipien funktioniert.

Wenn du zusiehst, wie sich die Kurbelwelle dreht, die Kette über die Zahnräder gleitet, wie Hebel und Kolben sich auf und ab bewegen. Dann kannst du für einen kurzen Augenblick vergessen, daß wir in einer Welt leben, in der elektronische Impulse, die du nicht fühlst, und glänzende Gehäuse, die sich nicht öffnen lassen, dominieren.
Du wirst zu Jäger und Sammler, wie die Götter es dir zugedacht haben.

Wenn du den richtigen Winkel zur Sonne hast, rast neben dir auf der Straße dein Schatten dahin. Die dunkle Form ist dein Haar, das hervorweht, eine fließende Verkörperung des Lichts auf dem Asphalt. Ein faszinierender Anblick, doch für dich nicht dasselbe, als wenn du dein Bild im Spiegel betrachtest. Dies ist fast schon eine fremde, eine rätselhafte, gesichts- und vielleicht sogar furchtlose Person.

Wenn alles richtig läuft, kannst du dich aus dem Sattel erheben, auf die Fußrasten stellen, und es kommt dir vor, als würdest du vom Luftstrom getragen. Der Geruch der Landschaft, eines Vorortes oder der Gestank eines Industriegebietes treffen dich ebenso unvermittelt, wie sie sich wieder auflösen. Du bist umfangen von unheimlichen Dingen - verottender Kürbis, Müll, Straßensalz, Louisianamoos im feuchten Wind, ein Gestank, als würden unter dem schmutziggelben Himmel von Newark Millionen Reifen brennen, der Duft von Tannen und Muschelschalen. Einige Gerüche haben nicht mal einen Namen. Nicht die Hälfte würdest du im Auto wahrnehmen, selbst wenn alle Fenster geöffnet sind.

Temperatur und Luft sind so unterschiedlich, als würdest du in Zeitlupe durch eine Flucht von Zimmern schreiten, überraschend und vielseitig wie die Pracht von Versailles. Du fährst durch eine laue Sommernacht und über der Landschaft hängt ein feuchtes Dunstkissen, das nach Heu und schwerer Erde riecht. Plötzlich umfängt dich ein kühler Schwall, der sich in einer verborgenen Senke vor dir festgesetzt hat. Du schüttelst dich, dann läßt du ihn hinter dir und tauchst wieder in die liebkosende, warme Hülle ein.
Ein heraufziehendes Gewitter erkennst du an der plötzlichen Luftveränderung, an der beklemmenden Schwüle, in die du getragen wirst, bevor andere sie spüren und wahrnehmen.

Motorradfahren ist etwas, was zwischen dir und der Straße schwebt. Oder vielmehr geht es darum, die Straße möglichst nahe an dich heranzurücken, sogar über das Fahrzeug hinaus zu wachsen, das dich die Straße überhaupt erst spüren lässt. In gewissem Sinn geht es also darum, die Straße in bestimmter Weise an dir vorüber ziehen zu lassen. ...

Dein Helm sorgt dafür, daß sich deine Gedanken nicht verflüchtigen. Sie können sich nur zentimeterweit von deinem Kopf entfernen und umschwirren den Schädel wie tausende kleiner eingesperrter Sandfliegen. Nie kannst du deine Einsamkeit so sehr genießen, wie wenn es regnet. Manchmal macht es Spaß, in der Wohnung zu sitzen und die weichen, weißen Regentropfen aufs Dach oder ans Fenster klopfen zu hören. In deinem hellen, trockenen Refugium wird dir mit Genugtuung bewußt, wie nah und doch wie fern das Unwetter noch ist. Die schützenden Wände und das Dach erscheinen dir, als einen Teil von dir, eine Fortsetzung deiner Haut.
Auf dem Motorrad sind die Hauswände zusammengeschrumpft zu der dünnen Schicht deiner Regenkluft. Doch obwohl die Wassertropfen draufprasseln, ist es drinnen gemütlich. Du fühlst ihren Aufprall auf deinen Körper, doch du spürst sie nicht und kommst dir vor wie im sicheren Hafen - ein Paradoxon, denn nichts ist so gefährlich wie eine Fahrt im Regen. ... Dennoch fahre ich gern im Regen, sei es noch so unberechenbar. ...
Was dort draußen vor sich geht, scheint eine Million Meilen entfernt, obwohl es vor dir liegt und auf dich herabprasselt und vom Hinterreifen in anmutigem Bogen hinter dir hochgeschleudert wird...

Manchmal überkommen mich diese seltsam fließenden Bilder mitten am Tage, wenn ich meinen üblichen Tätigkeiten nachgehe, und ich verliere mich in diesem Meer willkürlich auftauchender Erinnerungen. Doch die einzigen Gedanken dieser Art stammen immer aus der Welt des Motorradfahrens, und nichts sonst kann es mit der Bedeutung dieser Empfindungen aufnehmen. Jeder einzelne Augenblick meiner 50000 Kilometer scheint in einem inneren Archiv verstaut, und gelegentlich wirbelt ein Windstoß die eine oder andere Karteikarte auf. Dann ist sie plötzlich da, dringt ins Bewußtsein, geisterhaft begleitet von dem Geruch, der in der Luft lag, und der Temperatur die herrschte - dem Parfum der Vergangenheit."


Falls sich jemand das Buch besorgen will

hier die ISBN: 3-455-11240-4